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Abellio-CEO Krenz fordert bundesweite Imagekampagne für Bahnberufe

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In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Ausgabe vom 16. November 2018, S. 22) hat Stephan Krenz auf die Auswirkungen fehlender Triebfahrzeugführer für den Fahrgastbetrieb aufmerksam gemacht und sich für eine Stärkung der verschiedenen Berufsbilder im Eisenbahnwesen ausgesprochen. In dem Beitrag unterstreicht der Abellio-CEO seine Forderung an die gesamte Eisenbahnbranche, gemeinsam eine bundesweite Imagekampagne zu initiieren, um auf die Vielseitigkeit und langfristigen Perspektiven der verschiedenen Aus- und Weiterbildungsberufe rund um die Schiene aufmerksam zu machen.

Den vollständigen Artikel von Redakteurin Kerstin Schwenn, lesen Sie hier:


Kopfgeld für Lokführer

Die Qualität des Zugverkehrs sinkt, auch weil der Deutschen Bahn Tausende Mitarbeiter fehlen / von Kerstin Schwenn


An einem normalen Wochentag auf dem Weg von Göttingen nach Berlin: Der ICE 370, der aus Basel kommen sollte, fällt aus. Immerhin fährt ein Ersatzzug, der aber nur halb so lang und komplett überfüllt ist. Die Fahrgäste stehen dicht gedrängt fast drei Stunden lang bis zur um 30 Minuten verspäteten Ankunft in der Hauptstadt. Diese Art des Reisens ist keine Werbung für das Zugfahren, aber schon fast der Normalfall. Die Deutsche Bahn verbucht eine Rekordnachfrage, doch dem Ansturm wird sie kaum Herr. Die Pünktlichkeit ist seit Monaten im Keller: Nicht einmal mehr drei von vier Fernzügen erreichen zurzeit ihr Ziel planmäßig; im Oktober waren es nur 71,8 Prozent. Oft mussten die vielen Baustellen im Netz zur Begründung herhalten, jetzt ist es die gesunkene "Fahrzeugverfügbarkeit". In Verspätungen und Zugausfällen manifestiert sich ein lange unterschätztes Problem: An allen Ecken und Enden fehlt Personal.

Lokomotivführer, Zugbegleiter, Fahrdienstleiter, Wagenmeister oder IT-Spezialisten: Der Arbeitsmarkt ist leergefegt. Die Deutsche Bahn ist inzwischen kreativ in der Rekrutierung neuer Mitarbeiter, wirbt etwa Lokführer der Konkurrenz ab - und zahlt Wechselwilligen ein "Kopfgeld" von mehreren tausend Euro. Das Personalproblem ist deshalb längst nicht mehr nur die Sorge des Bundeskonzerns. Auch ihre Wettbewerber suchen händeringend Fachkräfte. So muss beispielsweise das Bahnunternehmen Abellio, das im Land auf vielen Regionalstrecken fährt, jonglieren. "Leider hat dieser Mangel unmittelbare Auswirkungen auf den Fahrgastbetrieb. In allen Teilen Deutschlands erleben wir derzeit, dass Verbindungen deswegen ausfallen müssen", sagte Abellio-Geschäftsführer Stephan Krenz, der auch Präsident des Bahnverbandes Mofair ist. Die Einsatzpläne der Lokführer seien "auf Kante genäht". "Jetzt darf nicht noch eine Grippewelle kommen." Zusammen mit Susanne Henckel, der Präsidentin der Bundesarbeitsgemeinschaft Schienenpersonennahverkehr, hat Krenz sich jetzt an den Bahnbeauftragten der Bundesregierung Enak Ferlemann (CDU) gewandt mit dem Vorschlag, gemeinsam eine Imagekampagne für Bahnberufe auf die Beine zu stellen. Schließlich hätten CDU, CSU und SPD in den Koalitionsvertrag geschrieben, die Bahn solle das Verkehrsmittel des 21. Jahrhunderts sein und die Fahrgastzahlen bis 2030 verdoppeln, sagt Krenz. Mit mangelnder Zuverlässigkeit oder einem schmaleren Angebot für die Fahrgäste sei das nicht zu erreichen.

Dass Lokführer überhaupt eine Zukunft haben, schien eine Zeitlang nicht selbstverständlich. Der frühere Bahnchef Rüdiger Grube stellte in Aussicht, schon bald würden die Züge "autonom" durch Deutschland fahren. Der einstige Traumberuf Lokführer schien ein Auslaufmodell zu sein. Dem widersprechen nicht nur die Gewerkschaftsführer Claus Weselsky von der GDL oder Alexander Kirchner von der EVG. Auch Grubes Nachfolger Richard Lutz weiß, dass er auf absehbare Zeit mehr Lokführer braucht. 1200 fehlen derzeit mindestens im Personen- und Güterverkehr. Insgesamt ist der Personalbedarf des Konzerns zwanzigmal so hoch. In der Vorlage des Bahnvorstands für die Krisensitzung mit dem Aufsichtsrat am 22./23. November steht, dieses Jahr sollten 24 000 neue Mitarbeiter eingestellt werden, noch einmal 5000 mehr als bisher vorgerechnet. Das soll helfen, die Qualität des Zugfahrens endlich zu heben – und die Ticketpreise zu rechtfertigen. "Jeder, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird eingestellt", verkündete Lutz kürzlich. Billig wird das nicht.

Für die Gewerkschaften EVG und GDL kommt der Vorstoß des Bahnchefs zur rechten Zeit, denn sie stecken mitten in den Tarifverhandlungen mit dem Konzern. Die Forderungen beider Gewerkschaften unterscheiden sich zwar, sie eint aber die Forderung nach 7,5 Prozent mehr Lohn. Ein ordentlicher Happen für den Arbeitgeber, kostet doch ein Prozentpunkt mehr rund 90 Millionen Euro jährlich. Zuletzt schlugen die Aufwendungen für die international rund 310 000 Mitarbeiter mit 16,7 Milliarden Euro zu Buche. Aber wer Kopfgeld zahlt, wird auch hier zu Zugeständnissen bereit sein. An diesem Freitag will die Bahn der EVG ein erstes Angebot vorlegen. Die GDL, mit der die Bahn getrennt verhandelt, kann am Anfang nächster Woche damit rechnen. Die Zeit drängt, die Verhandlungen für rund 160 000 Eisenbahner müssen rasch in eine entscheidende Phase kommen, wenn der Bahnvorstand eins vermeiden will: Streiks in der Weihnachtszeit. Die Gewerkschaften können derweil nicht bestreiten, dass sie das Personalproblem selbst verschärft haben: In der letzten Tarifrunde entschieden sich mehr als die Hälfte der Beschäftigten nicht nur für einen Lohnaufschlag, sondern auch für mehr Freizeit. Die Folge: Die Personallücke wird immer größer, rund 1500 Neueinstellungen sind zusätzlich nötig. In der laufenden Tarifrunde will die EVG ihr "Wahlmodell" unbedingt ausbauen. Die Arbeitgeber sehen das mit gemischten Gefühlen - nicht nur die Deutsche Bahn, sondern auch ihre Konkurrenten, mit denen die Gewerkschaften im Anschluss die Tarifverhandlungen aufnehmen werden. Abellio-Chef Krenz kann den Wunsch nach mehr Freizeit verstehen, hält ihn aber für riskant. "Jede weitere Reduzierung der Arbeitszeit verschärft das Personalproblem. Das hat nicht nur den Effekt, dass wir Zugausfälle erleben, sondern macht den politischen Wunsch, mehr Personen und Güter auf die Schiene zu bekommen, noch deutlich schwieriger."


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